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Die Reaktoranlage 
Am Standort des Atomkraftwerks Tschernobyl waren 1986 vier Reaktorblöcke in Betrieb und zwei weitere in Bau. Die Blöcke 1 und 2 gingen 1977 bzw. 1978 in Betrieb, die Blöcke 3 und 4 wurden 1981 bzw. 1984 ans Netz geschaltet. An den Blöcken 5 und 6 wurde noch gebaut und sie sollten 1986 und 1988 in Betrieb gehen.
Die  Blöcke sind vom Typ eines Graphitmoderierten Druckröhren-Siedewasserreaktors (RBMK-1000), mit einer elektr. Leistung von je 1.000 MW. Das Reaktordesign weist zwei Kühlmittelkreisläufe auf welche die Wärme von jeweils einer Reaktorhälfte abführen. Kernreaktoren dieses Typs wurden ausschliesslich auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR gebaut und betrieben. Die etwa 1700 Brennstäbe befinden sich jeweils in einer eigenen Druckröhre und nicht, wie in anderen Kernreaktoren üblich, in einem grossen Druckbehälter. Jeder Brennstoffkanal erzeugt Dampf, der in einem Direktkreislauf die Turbinen speist, welche den Generator antreiben und somit Strom erzeugen. Um die Kettenreaktionen steuern zu können sind ausserdem noch sehr viele Regelstäbe notwendig. Werden die Regelstäbe komplett eingefahren, stoppen sie die Kettenreaktion, da sie Neutronen absorbieren. Die Kettenreaktionen werden von einem massiven Graphitblock moderiert, das heisst, die bei der Kernspaltung frei werdenden Neutronen werden vom Graphit auf eine Geschwindigkeit abgebremst, die es ihnen ermöglicht, weitere Kerne zu spalten. Die RBMK-Reaktoren sind stark überaktiv ausgelegt (sie haben einen positiven "Void-Koeffizienten"), das heisst, dass die Kettenreaktionen sich beschleunigen, wenn Kühlwasser verloren geht. Dieser Effekt war die Ursache für den Reaktorunfall in Tschernobyl. Westliche Kernkraftwerke müssen einen negativen Void-Koeffizienten aufweisen, was bedeutet, dass die Kettenreaktion automatisch zum Erliegen kommt, wenn Kühlwasser verloren geht.

Die Reaktoranlagen von Tschernobyl sind heute alle stillgelegt:
Oktober
     1991 - Stilllegung von Block 2, nach einem Brand
November  1996 - Stilllegung von Block 1
Dezember 2000 - Stilllegung von Block 3

Der Reaktorunfall
Der Unfall im Block 4 des Kernkraftwerkes ereignete sich während eines Tests in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986, bei dem geprüft werden sollte, ob man bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbinen noch übergangsweise zur Stromerzeugung nutzen kann, bis die Notstromaggregate hoch gelaufen sind. Die Katastrophe ist im Wesentlichen auf die Systemschwächen und eine Kette von falschen Entscheidungen und verbotenen Eingriffen der Bedienungsmannschaft während des Experimentes zurück- zuführen. Um ggf. eine Wiederholung des Versuches zu ermöglichen wurden Schnell- abschaltsignale überbrückt. Durch das Experiment verringert sich der Kühlmitteldurchsatz und damit die Kühlung des Reaktorkerns. Der Reaktor reagiert mit einem steilen Leistungs- anstieg, im Kern entsteht immer mehr Wasserdampf
Der Schichtleiter löst zwar noch die Reaktorschnellabschaltung von Hand aus, aber der Anstieg der Reaktorleistung kann wegen der zu geringen Einfahrgeschwindigkeit der Regelstäbe nicht mehr gebremst werden.
Am 26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden, kommt es zum so genannten GAU (grösster anzunehmende Unfall), es ist der bisher schwerste Reaktorunfall weltweit. Die Reaktorleistung  steigt  auf ein  vielfaches  ihrer  Nennleistung. Durch die starke Überhitzung des Brennstoffs bersten die Brennstäbe, es kommt zu einer heftigen Brennstoff/ Wasserreaktion mit stossartigem Druckaufbau und als Konsequenz zu einer Zerstörung grösserer Kernbereiche, der Zerstörung des Reaktorgebäudes und grosse Teile der Anlage werden in Brand gesetzt. Während dieser Zerstörungsphase werden mehrere Tonnen hochradioaktives Material freigesetzt. Die Freisetzung dauerte 10 Tage mit sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen. Durch den Graphit- brand wurden die radioaktiven Partikel hoch in die Atmos- phäre getragen bevor sie sich durch lokal unterschiedliche Regenfälle verteilten. 
Durch die unmittelbar einsetzende Brandbekämpfung gelang es, die Brände ausserhalb des Reaktorgebäudes und am Maschinenhaus innerhalb weniger Stunden zu löschen. Um den Brand innerhalb des Reaktorgebäudes zu ersticken und zur Eindämmung der Unfallfolgen wurde der Block 4 in den folgenden Tagen aus der Luft mit Bor, Blei, Sand und Lehm zugeschüttet. Gleichzeitig wurde eine Stickstoffanlage zur Kühlung des Reaktors installiert. Ende Juni war eine kühlbare Betonplatte unter dem Reaktorfundament eingezogen, um ein zuerst nicht auszuschliessendes Durchschmelzen in den Untergrund sicher zu verhindern. Bis zum November 1986 wurde der Reaktorblock 4 unter meterdickem Beton  - Sarkophag genannt - begraben.

Insgesamt 800.000 Personen - so genannte Liquidatoren -, meist junge Wehrdienst -leistende aus der gesamten Sowjetunion, wurden zu Räumungs- und Dekontaminations-arbeiten am zerstörten Reaktor eingesetzt. Viele von ihnen sind verstorben und die Überlebenden leiden an schweren Krankheiten. An sie erinnert nur ein Denkmal.
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Die Folgen von Tschernobyl
Über das Ausmass der Katastrophe von Tschernobyl lassen sich nur grobe Schätzungen anstellen. Experten gehen davon aus, dass in der Zwischenzeit bis zu 70.000  Menschen an den Folgen der Reaktorexplosion und der anschliessenden Verstrahlung weiter Gebiete gestorben sind. Durch den radioaktiven Fallout erfolgte eine weiträumige Verseuchung des Bodens, der Gewässer, der Pflanzen, Menschen und der Tiere. Auch das Grundwasser wurde langfristig mit radioaktiven Stoffen belastet.

Anklicken zum VergrößernEtwa 70% des Fallouts gingen auf dem Gebiet des heutigen Weißrussland (Belarus) nieder. 46.500 qkm, etwa ein Viertel der Fläche des Landes, gelten nach alten sowjetischen Richtlinien als radioaktiv konta- miniert. In der Ukraine wurden 50.520 qkm und in Russland 57.650 qkm kontaminiert. Rund 400.000 Menschen wurden umge- siedelt. Weder die Ukraine, noch  Russland, oder Weißrussland, welches selbst keine Atomkraftwerke betreibt, sind in der Lage den Tschernobyl-Opfern ausreichend zu helfen und die Mittel zur Bewältigung der Unfallfolgen aufzubringen.
Als sich der Reaktorunfall ereignete waren die Folgen auch bei uns zu spüren. Wir sollten damals auf verschiedene Nahrungsmittel verzichten und unsere Kinder sollten weder im Sandkasten noch in Regen spielen. Für uns ist dies Vergangenheit, nicht jedoch für die betroffenen Menschen in Weißrussland, der Ukraine und Russland. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind in den betroffenen Gebieten weiterhin radioaktiv belastet, eine Kontrolle erfolgt jedoch aus Geldmangel sehr selten. In der Bevölkerung der betroffenen Gebiete mehren sich die Erkrankungen. Besonders dramatisch ist der Anstieg bei Schilddrüsenkrebs, aber auch bei anderen Tumoren ist ein massiver Anstieg zu verzeichnen. Aus Weißrussland wird in den letzten Jahren von häufigen Missbildungen bei Neugeborenen, von Leukämie und anderen bösartigen Bluterkrankungen als Folge des Reaktorunfalls berichtet.

Tschernobyl, das sind Hunderte verlassene Dörfer vor deren Betreten das Zeichen „Radioaktive Zone“ warnt, aber auch Kummer in der Seele und Furcht vor der Zukunft bei den Betroffenen. Hunderttausende leben heute mit erhöhter Strahlung, die aus der Luft, über den Boden und durch belastete Nahrungsmittel aufgenommen wird.

Auch wenn es seit 1986 lange her ist, wir dürfen Tschernobyl und die davon betroffenen Menschen nicht vergessen.
 

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